Handschrift vs. KI: Was passiert im Gehirn?

Künstliche Intelligenz übernimmt das Schreiben, die Tastatur verdrängt den Stift. Doch was macht das mit unserem Gehirn? Zwei Studien aus den USA und Norwegen zeigen: Wer ChatGPT nutzt, zeigt bis zu 55 Prozent weniger Gehirnaktivität und kann sich kaum an selbst verfasste Texte erinnern. Handschrift dagegen aktiviert zwölf Hirnareale gleichzeitig und verankert Wissen nachhaltig im Gedächtnis. Die Forschungsergebnisse werfen Fragen auf über die Zukunft des Lernens, Denkens und Arbeitens in der KI-Ära.

In einer Zeit, in der ChatGPT und andere KI-Assistenten das Schreiben übernehmen, während gleichzeitig immer mehr Menschen die Handschrift zugunsten der Tastatur aufgeben, stellt sich eine Frage: Was macht die Art und Weise, wie wir schreiben, mit unserem Gehirn? Zwei Studien liefern überraschende Antworten. Lass uns einen Blick darauf werfen.

Inhalt

Die MIT-Studie: Wenn künstliche Intelligenz das Denken übernimmt

Was geschieht mit unserem Gehirn, wenn wir das Denken an künstliche Intelligenz, kurz KI, auslagern? Das wurde versucht in einem Labor in den USA heraus zu finden. Im Juni 2025 veröffentlichten die Forschenden unter Leitung von Dr. Nataliya Kosmyna ihre Studie mit dem Titel „Your Brain on ChatGPT: Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task“. Erstmals wurde wissenschaftlich untersucht, was der tägliche Einsatz von Large Language Models wie ChatGPT mit unserer kognitiven Leistungsfähigkeit macht. Vierundfünfzig Teilnehmer im Alter zwischen 18 und 39 Jahren wurden über einen Zeitraum von vier Monaten beobachtet. Die Forschenden teilten sie in drei Gruppen auf, von denen jede eine andere Herangehensweise an das Schreiben von Essays nutzte. Die erste Gruppe durfte ausschließlich ChatGPT-4o verwenden, um ihre Texte zu verfassen. Die zweite Gruppe hatte Zugriff auf die Google-Suchmaschine, konnte also recherchieren, musste aber selbst formulieren. Die dritte Gruppe, die „Brain-only“-Gruppe, musste völlig ohne digitale Hilfsmittel auskommen und sich allein auf ihr Gedächtnis und ihre Denkfähigkeit verlassen.

Während die Teilnehmenden schrieben, trugen sie EEG-Kappen, die ihre Gehirnaktivität in Echtzeit aufzeichneten. Doch die Forschenden begnügten sich nicht mit neurophysiologischen Daten allein. Sie führten zusätzlich Natural Language Processing-Analysen der verfassten Texte durch, interviewten die Teilnehmenden nach jeder Sitzung und ließen die Essays sowohl von menschlichen Lehrkräften als auch von einem KI-Agenten bewerten. Dieser multimethodische Ansatz ermöglichte ein umfassendes Bild der kognitiven, sprachlichen und verhaltensbezogenen Auswirkungen.

Was die Gehirne zeigten: Dramatische Unterschiede in der Aktivität

Die Gehirnkonnektivität, also das Ausmaß, in dem verschiedene Hirnregionen miteinander kommunizieren, skalierte systematisch mit der Menge externer Unterstützung nach unten. Anders gesagt: Je mehr Hilfe die Teilnehmenden beim Schreiben erhielten, desto weniger arbeitete ihr Gehirn.
Die Brain-only-Gruppe, die ohne jegliche Hilfsmittel auskommen musste, zeigte die stärksten und weitreichendsten neuronalen Netzwerke. Ihre Gehirne waren hochaktiv, verschiedene Regionen kommunizierten intensiv miteinander. Die Suchmaschinen-Gruppe lag im Mittelfeld, ihre neuronale Aktivität war moderat, aber deutlich schwächer als die der Brain-only-Gruppe. Am niedrigsten war die Gehirnaktivität in der LLM-Gruppe. Diese Teilnehmenden zeigten eine bis zu 55 Prozent reduzierte Konnektivität im Vergleich zu jenen, die ohne Hilfsmittel arbeiteten.

Diese Zahlen deuten darauf hin, dass die kognitive Aktivität, also das aktive Denken, Verarbeiten und Strukturieren von Informationen, in direktem Verhältnis zur Nutzung externer Tools abnimmt. Das Gehirn scheint sich gewissermaßen zurückzulehnen, wenn es weiß, dass ein leistungsfähiges Werkzeug die Arbeit übernehmen kann.

Das Gedächtnisproblem und die Frage der Urheberschaft

Noch beunruhigender als die verminderte Gehirnaktivität waren die Auswirkungen auf das Gedächtnis. Als die Forschenden die Teilnehmenden baten, Passagen aus ihren gerade verfassten Essays zu zitieren, offenbarte sich ein drastisches Problem: 83 Prozent der ChatGPT-Nutzer waren dazu nicht in der Lage. Sie hatten einen Text geschrieben, oder vielmehr: schreiben lassen, und konnten sich bereits Minuten später nicht mehr an dessen Inhalt erinnern. Die Informationen waren nur oberflächlich durch ihr Bewusstsein geflossen, ohne tiefere Spuren zu hinterlassen.

Bei der Brain-only-Gruppe und der Suchmaschinen-Gruppe sah das Bild völlig anders aus. Nahezu alle Teilnehmenden dieser Gruppen konnten problemlos aus ihren eigenen Texten zitieren. Sie hatten die Inhalte aktiv verarbeitet, strukturiert und formuliert und dieser Prozess hatte dazu geführt, dass die Informationen in ihrem Gedächtnis verankert wurden.

Stichwort Urheberschaft. Die Forschenden fragten die Teilnehmenden, inwieweit sie sich als tatsächliche Autoren ihrer Essays fühlten. Nur 30 Prozent der KI-Nutzer bejahten dies. Die überwiegende Mehrheit hatte das Gefühl, dass die Texte eigentlich nicht wirklich von ihnen stammten. Dieser Verlust des persönlichen Bezugs zur eigenen Arbeit ist mehr als nur eine psychologische Fußnote. Er deutet auf einen fundamentalen Bruch in der Beziehung zwischen Denken, Schreiben und Lernen hin.

Kognitive Schulden: Wenn das Gehirn verlernt, selbstständig zu arbeiten

Die Teilnehmenden, die bisher mit ChatGPT gearbeitet hatten, mussten zum Schluss ohne jegliche Hilfsmittel schreiben. Umgekehrt erhielten jene, die zuvor ausschließlich mit ihrem eigenen Gehirn gearbeitet hatten, nun erstmals Zugang zu ChatGPT.

Das Ergebnis war verblüffend. Die ehemaligen ChatGPT-Nutzer zeigten auch ohne KI-Unterstützung eine deutlich schwächere Gehirnaktivität als die Vergleichsgruppe. Ihr Gehirn hatte sich offenbar an die externe Unterstützung gewöhnt und arbeitete nun selbst dann auf niedrigerer Flamme, wenn diese Unterstützung nicht mehr verfügbar war. Die Forschenden sprechen hier von einer „Akkumulation kognitiver Schulden“. Ein Begriff, der an finanzielle Schulden erinnert und darauf hindeutet, dass die kurzfristige Bequemlichkeit langfristige Kosten nach sich zieht.

Umgekehrt zeigten die Teilnehmenden, die zum ersten Mal ChatGPT nutzten, nachdem sie Erfahrung mit eigenständigem Schreiben gesammelt hatten, einen deutlichen Anstieg der Gehirnvernetzung. Bei ihnen führte die KI-Nutzung zu höherer kognitiver Aktivität, nicht zu niedrigerer. Dies deutet darauf hin, dass Menschen, die bereits gelernt haben, selbstständig zu denken und zu schreiben, KI-Tools tatsächlich gewinnbringend nutzen können als Verstärker ihrer eigenen kognitiven Fähigkeiten, nicht als Ersatz dafür.

Die Grenzen der Studie

Die Studie testete ausschließlich ChatGPT, und zwar nur im Kontext des Essay-Schreibens. Ob andere KI-Systeme ähnliche Effekte hervorrufen würden, ist unklar. Ebenso bleibt offen, wie sich die Ergebnisse auf andere Arten von Schreibaufgaben oder gar auf völlig andere Tätigkeiten übertragen lassen.
Quelle: MIT Media Lab FAQ

Die norwegische Studie: Wie Stift und Papier das Gehirn zum Leben erwecken

Während die MIT-Forschenden untersuchten, was KI mit unserem Gehirn macht, widmeten sich norwegische Neurowissenschaftler einer anderen Frage: Was geschieht in unserem Gehirn, wenn wir mit der Hand schreiben, verglichen mit dem Tippen auf einer Tastatur?

Ein hochauflösender Blick ins arbeitende Gehirn

Sechsunddreißig Universitätsstudierende nahmen an der Studie „Handwriting but not typewriting leads to widespread brain connectivity“ teil. Während sie entweder mit einem digitalen Stift in Schreibschrift oder per Tastatur schrieben, zeichneten die Forschenden ihre Gehirnaktivität mit einem High-Density-EEG auf, einem System mit winzigen Sensoren, die in ein Netz eingenäht und über dem Kopf platziert werden. Diese hochauflösende Technologie ermöglicht es, die elektrische Aktivität des Gehirns zu erfassen und zu analysieren, wie verschiedene Hirnregionen miteinander kommunizieren.

Die Aufgabe selbst war bewusst einfach gehalten: Die Teilnehmenden sahen Wörter auf einem Bildschirm und sollten diese entweder mit einem digitalen Stift auf einem Touchscreen nachschreiben oder mit einem Finger auf einer Tastatur tippen. Für jedes präsentierte Wort wurden fünf Sekunden lang EEG-Daten aufgezeichnet. Diese scheinbar simple Versuchsanordnung ermöglichte es den Forschenden, präzise zu messen, welche neuronalen Prozesse beim Handschreiben im Vergleich zum Tippen ablaufen.

Veröffentlicht in: Frontiers in Psychology, 2024

Weitreichende neuronale Vernetzung beim Handschreiben

Die Analysen offenbarten ein Muster. Wenn die Teilnehmenden von Hand schrieben, zeigten sich weitreichende Konnektivitätsmuster im Theta- und Alpha-Frequenzbereich – jenen Gehirnwellen, die eng mit Lern- und Gedächtnisprozessen verbunden sind. Starke Verbindungen entstanden zwischen parietalen und zentralen Gehirnregionen, und mehrere Hirnareale wurden gleichzeitig aktiviert.
Beim Tippen hingegen sah das Bild völlig anders aus. Die Konnektivität zwischen verschiedenen Gehirnregionen nahm nicht zu. Die neuronale Aktivität blieb vergleichsweise bescheiden. Der Grund, so die Forschenden, liege in der Verschiedenheit der motorischen Prozesse.

Die entscheidende Rolle der Feinmotorik

Beim Handschreiben müssen mehr als dreißig Muskeln und fünfzehn Gelenke präzise koordiniert werden. Dieser komplexe motorische Prozess stimuliert zwölf verschiedene Hirnareale gleichzeitig. Jeder Buchstabe erfordert eine andere, spezifische Bewegung der Hand und Finger. Das Gehirn muss diese Bewegungen planen, ausführen und kontinuierlich anpassen. Gleichzeitig erhält es sensorisches Feedback – die Textur des Papiers oder Screens, den Widerstand des Stifts, die propriozeptive Rückmeldung darüber, wo sich die Hand im Raum befindet.

All diese Informationen, visuell, motorisch, sensorisch laufen zusammen und erzeugen ein reichhaltiges neuronales Aktivitätsmuster. Das Tippen hingegen ist motorisch weitaus simpler. Unabhängig davon, welchen Buchstaben man schreiben möchte, ist die Bewegung immer dieselbe: das repetitive Drücken einer Taste mit demselben Finger. Diese gleichförmige, mechanische Bewegung ist für das Gehirn weit weniger stimulierend. Es fehlt die Vielfalt, die Komplexität, die präzise Kontrolle, die das Handschreiben charakterisiert.

Praktisch: Digitale Stifte funktionieren auch

Die Forschenden verwendeten digitale Stifte auf Touchscreens, keine traditionellen Stifte auf Papier. Die positiven Effekte zeigten sich dennoch. Das bedeutet, dass es nicht um eine romantische Rückkehr zu Papier und Tinte geht, sondern um die Bewegung des Formens von Buchstaben an sich. Tablets mit Stylus können demnach die Vorteile des Handschreibens mit den praktischen Möglichkeiten digitaler Geräte verbinden.

Kinder, die primär auf Tablets lesen und schreiben lernen, indem sie Tasten drücken, haben häufiger Schwierigkeiten, spiegelbildliche Buchstaben wie ‚b‘ und ‚d‘ voneinander zu unterscheiden. „Sie haben mit ihrem Körper buchstäblich nicht gespürt, wie es sich anfühlt, diese Buchstaben zu produzieren“, erklären die Forscher. Die körperliche Erfahrung des Buchstabenformens ist offenbar mehr als nur eine motorische Übung – sie ist ein wichtiger Teil des Lernprozesses.

Die Studie zeigt also, dass Handschreiben komplexere Gehirnaktivitätsmuster erzeugt, aber ob diese Muster tatsächlich zu besserem Lernen führen, wurde nicht direkt getestet. Zudem handelt es sich um eine Laborstudie mit Erwachsenen. Rückschlüsse auf Lernprozesse bei Kindern im Klassenzimmer sind daher problematisch.Quelle: Pinet & Longcamp (2025) Commentary

Studien zu Vorlesungsnotizen und Gedächtnis

Mehrere andere Untersuchungen haben sich in den vergangenen Jahren mit verwandten Fragestellungen beschäftigt und liefern zusätzliche Perspektiven.

Die Vorlesungsnotizen-Studie von Mueller und Oppenheimer

Eine der meistzitierten Arbeiten zu diesem Thema stammt von Pam Mueller von der Princeton University und Daniel Oppenheimer von der UCLA. In ihrer 2014 in der Fachzeitschrift Psychological Science veröffentlichten Studie „The Pen Is Mightier Than the Keyboard“ untersuchten sie, wie Studierende Vorlesungen mitschreiben – mit Laptop oder per Hand – und wie sich dies auf ihr Verständnis auswirkt.
Mueller und Oppenheimer folgern daraus, dass die Verwendung von Laptops zum Notieren von Informationen das Lernen sogar beeinträchtigen kann, weil sie zu einer rein oberflächlichen Informationsaufnahme führt. Wer mit Stift auf Papier schreibt, nutzt sein Gehirn zur Aufnahme, Zusammenfassung und kurzen Wiederholung der Kerninformationen – und genau dieser Prozess fördert Verständnis und Erinnerung.

Die zeitliche Dimension: Langfristige Gedächtniseffekte

Eine weitere Studie stammt von den Psychologieprofessoren Dung Bui, Joel Myerson und Sandra Hale von der Washington University. Sie veröffentlichten ihre Ergebnisse im Journal of Educational Psychology und untersuchten, wie sich die Art des Notizenmachens auf das Gedächtnis über die Zeit auswirkt.

Zunächst schienen Computernotizen einen ähnlichen Vorteil zu bieten wie handschriftliche Notizen. Unmittelbar nach einer Lerneinheit konnten sich die Teilnehmenden beider Gruppen ähnlich gut an die Inhalte erinnern. Doch dann passierte etwas Interessantes: Der Vorteil der Computernotizen verblasste innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Handschriftliche Notizen hingegen zeigten einen nachhaltigeren Effekt auf das Langzeitgedächtnis.

Dies deutet darauf hin, dass die tiefere kognitive Verarbeitung beim Handschreiben nicht nur das unmittelbare Verständnis verbessert, sondern auch dazu führt, dass Informationen dauerhafter im Gedächtnis verankert werden. Die Art und Weise, wie wir Informationen aufnehmen und verarbeiten, beeinflusst offenbar, wie gut unser Gehirn sie langfristig speichert.

Was bedeutet das für die Praxis?

Weder ist KI der Feind des Denkens, noch ist Handschrift eine nostalgische Kulturtechnik ohne praktischen Wert. Vielmehr zeigt sich, dass verschiedene Arten des Schreibens verschiedene kognitive Prozesse anstoßen und dass wir klug wählen müssen, wann wir welche Methode einsetzen.
Für Lernnotizen, Zusammenfassungen und die Entwicklung neuer Konzepte bietet sich Handschrift an, sie zwingt zur aktiven Verarbeitung und fördert tiefes Verständnis. Für das Verfassen langer Texte, für kollaboratives Arbeiten oder für schnelle, umfassende Mitschriften kann die Tastatur praktischer sein. Und KI-Tools können wertvoll sein, wenn Lernende bereits über solide Grundlagen verfügen und sie reflektiert einsetzen.

Strategien für den Berufsalltag

Die Versuchung ist groß, ChatGPT und ähnliche Tools für nahezu jede Schreibaufgabe einzusetzen. Die MIT-Studie legt jedoch nahe, dass dies langfristig problematisch sein könnte. Wer sich zu früh und zu umfassend auf KI verlässt, riskiert, die eigene Denkfähigkeit zu unterfordern.

Ein strategischerer Ansatz bestünde darin, KI als Ergänzung zu nutzen, nicht als Ersatz. Konkret könnte das bedeuten: Zunächst selbst denken, strukturieren und erste Formulierungen entwickeln. Erst dann KI zur Optimierung, zur Überprüfung oder zum Verfeinern einsetzen. Dieser Prozess stellt sicher, dass das eigene Gehirn aktiv bleibt, während man dennoch von den Effizienzvorteilen der Technologie profitiert.

Auch bewusste Handschriftmomente können im Arbeitsalltag wertvoll sein. Brainstorming-Sitzungen, bei denen Ideen schnell und assoziativ auf Papier skizziert werden. Wichtige Besprechungsnotizen, bei denen das manuelle Schreiben zwingt, das Wesentliche herauszufiltern. Persönliche Reflexionen im Journal, bei denen die langsamere Geschwindigkeit der Handschrift Raum für tieferes Nachdenken schafft. All dies sind Momente, in denen die spezifischen Vorteile des Handschreibens zum Tragen kommen.

Besonders wichtig ist Qualitätskontrolle bei der KI-Nutzung. Blindes Copy-Paste von KI-generierten Inhalten mag kurzfristig Zeit sparen, führt aber genau zu jenem Phänomen, das die MIT-Studie beschreibt: oberflächliches Engagement, schwache Gedächtnisbildung, mangelndes Gefühl der Urheberschaft. Wer KI nutzt, sollte die generierten Inhalte aktiv verarbeiten, kritisch prüfen und sicherstellen, dass er sie wirklich versteht und nicht nur weitergibt.

Persönliche Entwicklung und lebenslanges Lernen

Regelmäßiges Schreiben per Hand kann als eine Art „Gehirntraining“ betrachtet werden. Es aktiviert komplexe neuronale Netzwerke, fördert die Verknüpfung verschiedener Hirnareale und könnte möglicherweise sogar zur kognitiven Gesundheit im Alter beitragen.

Das Führen ist eine Aktivität, die das Gehirn auf mehreren Ebenen fordert und fördert. Die Langsamkeit des Schreibens erzwingt Reflexion. Die physische Aktivität des Stiftführens aktiviert motorische und sensorische Systeme. Die Notwendigkeit, Gedanken in Worte zu fassen, schärft die Klarheit des Denkens.

Beim Lernen neuer Inhalte sei es eine Fremdsprache, ein Musikinstrument, ein wissenschaftliches Fachgebiet spricht einiges dafür, wichtige Informationen zunächst von Hand zu notieren. Die tiefere kognitive Verarbeitung, die damit einhergeht, kann die Gedächtnisbildung unterstützen und zu nachhaltigerem Lernen führen.

Dennoch geht es nicht um ein puristisches Zurück zu Papier und Stift. Digitale Stifte auf Tablets bieten eine interessante Synthese. Sie ermöglichen die motorische und kognitive Aktivierung des Handschreibens bei gleichzeitiger Nutzung der Vorteile digitaler Medien: Durchsuchbarkeit, leichte Bearbeitung, Cloud-Synchronisation, Teilbarkeit.

Fazit: Eine ausgewogene Perspektive

KI-Tools sind Werkzeuge. Wie jedes Werkzeug können sie richtig oder falsch eingesetzt werden. Ein Taschenrechner kann mathematisches Verständnis unterstützen oder es ersetzen. Je nachdem, wie und wann er eingesetzt wird. Ähnlich verhält es sich mit ChatGPT.

Trotz aller Digitalisierung bleibt die Handschrift relevant. Sie stimuliert das Gehirn auf eine Weise, die das repetitive Drücken von Tasten nicht erreicht. Das bedeutet nicht, dass jeder Text von Hand geschrieben werden sollte. Es bedeutet aber, dass Handschrift als kognitive Ressource erkannt und bewusst eingesetzt werden sollte, gerade in Lern- und Denkprozessen, bei denen es auf tiefes Verstehen und nachhaltiges Erinnern ankommt.

Das Gehirn passt sich an. Wie diese Anpassung aussieht, ob sie vorteilhaft oder problematisch ist, hängt davon ab, wie wir mit den neuen Technologien umgehen.

Die Studienergebnisse legen nahe, dass wir bei der Nutzung von KI und digitalen Schreibtools strategisch vorgehen sollten. Weder Technologiefeindlichkeit noch unkritischer Enthusiasmus werden der Komplexität der Situation gerecht. Stattdessen braucht es ein bewusstes Verständnis davon, welche kognitiven Prozesse verschiedene Werkzeuge und Methoden aktivieren und eine kluge Wahl dessen, was wir in welcher Situation einsetzen.

Das könnte so aussehen:

Zunächst die Basis schaffen: selbstständig denken, verarbeiten, strukturieren. Dies legt die neuronalen Grundlagen, die für komplexes Denken und nachhaltiges Lernen notwendig sind. Dann Tools strategisch einsetzen. KI und digitale Hilfsmittel gezielt nutzen, um die eigenen Fähigkeiten zu erweitern, nicht zu ersetzen. Und schließlich bewusst wählen – je nach Aufgabe, Kontext und Ziel die passende Methode auswählen und dabei kritisch bleiben.

Die Art und Weise, wie wir schreiben und denken, beeinflusst messbar unser Gehirn. Und damit beeinflusst sie unsere Lernfähigkeit, unsere Kreativität, unsere Gedächtnisleistung und letztlich unsere kognitive Entwicklung. In einer Zeit rasanten technologischen Wandels ist es wichtiger denn je, diese Prozesse zu verstehen und bewusst zu gestalten.

FAQ: KI-Schreiben vs. Handschreiben

1. Ist Handschreiben wirklich besser fürs Gehirn als Tippen?

Ja, wissenschaftliche Studien zeigen, dass Handschreiben bis zu zwölf verschiedene Hirnareale gleichzeitig aktiviert und die neuronale Konnektivität stärkt. Beim Tippen ist die Gehirnaktivität deutlich geringer, da die Bewegungen repetitiv und weniger komplex sind.

2. Macht die Nutzung von ChatGPT dumm?

Nicht pauschal. Die MIT-Studie zeigt jedoch, dass intensive ChatGPT-Nutzung zu „kognitiven Schulden“ führen kann – dein Gehirn gewöhnt sich an die externe Unterstützung und arbeitet weniger aktiv. Entscheidend ist, wie du KI nutzt: als Denkpartner oder als Ersatz fürs Denken.

3. Kann ich auch mit einem Tablet und Stylus die Vorteile der Handschrift nutzen?

Ja! Die norwegische Studie hat gezeigt, dass digitales Schreiben mit einem Stift (z.B. iPad mit Apple Pencil) die gleichen positiven Gehirneffekte erzeugt wie Schreiben auf Papier. Entscheidend ist die Bewegung des Buchstabenformens, nicht das Medium.

4. Warum kann ich mich nicht an Texte erinnern, die ich mit ChatGPT geschrieben habe?

83% der ChatGPT-Nutzer in der MIT-Studie konnten sich nicht an ihre eigenen Texte erinnern. Der Grund: Wenn du Inhalte nicht selbst formulierst, durchlaufen sie dein Gehirn nur oberflächlich, ohne tiefe Spuren im Gedächtnis zu hinterlassen.

5. Sollte ich komplett auf KI-Tools verzichten?

Nein. Die Studien zeigen, dass Menschen mit soliden kognitiven Grundlagen KI gewinnbringend nutzen können. Der Schlüssel liegt in der strategischen Nutzung: Erst selbst denken und strukturieren, dann KI zur Optimierung einsetzen.

6. Hilft Handschreiben beim Lernen für Prüfungen?

Ja, mehrere Studien belegen, dass handschriftliche Notizen zu besserem Verständnis und besserer Langzeiterinnerung führen. Die Forschenden Bui, Myerson und Hale zeigten, dass der Vorteil von Computernotizen innerhalb von 24 Stunden verblasst, während handschriftliche Notizen nachhaltiger wirken.

7. Ab welchem Alter sollten Kinder Handschreiben lernen?

Die Forschung deutet darauf hin, dass Handschreiben von Anfang an wichtig ist. Kinder, die primär auf Tablets tippen, haben häufiger Schwierigkeiten, spiegelbildliche Buchstaben wie ‚b‘ und ‚d‘ zu unterscheiden, weil ihnen die körperliche Erfahrung des Buchstabenformens fehlt.

8. Wie lange dauert es, bis sich „kognitive Schulden“ aufbauen?

Die MIT-Studie untersuchte einen Zeitraum von vier Monaten. Die Teilnehmenden zeigten bereits nach diesem relativ kurzen Zeitraum messbare Veränderungen in ihrer Gehirnaktivität. Langzeitstudien über Jahre fehlen noch.

9. Kann ich die negativen Effekte von KI-Nutzung wieder rückgängig machen?

Die MIT-Studie deutet darauf hin: Ja. Teilnehmende, die nach intensiver KI-Nutzung wieder eigenständig arbeiten mussten, zeigten zwar zunächst schwächere Gehirnaktivität, aber das Gehirn kann sich wieder anpassen.

10. Welche Schreibmethode ist für welche Aufgabe am besten?

  • Handschrift: Lernnotizen, Brainstorming, Konzeptentwicklung, Gedächtnistraining
  • Tastatur: Lange Texte, kollaboratives Arbeiten, schnelle Mitschriften
  • KI-assistiert: Optimierung, Recherche, Feedback, aber nur nach eigenständiger Vorarbeit

Quellen und weiterführende Links

Hauptstudien

MIT ChatGPT-Studie:

  • Volltext: arXiv:2506.08872
  • Projektseite: MIT Media Lab – Your Brain on ChatGPT
  • Projektwebsite: www.brainonllm.com
  • DOI: 10.48550/arXiv.2506.08872
  • Kosmyna, N., Hauptmann, E., Yuan, Y.T., Situ, J., Liao, X.-H., Beresnitzky, A.V., Braunstein, I., & Maes, P. (2025). Your brain on chatgpt: Accumulation of cognitive debt when using an ai assistant for essay writing task. arXiv preprint arXiv:2506.08872.

Norwegische Handschrift-Studie:

  • Volltext: Frontiers in Psychology
  • PubMed: PMID: 38343894
  • DOI: 10.3389/fpsyg.2023.1219945
  • Van der Weel, F.R., & Van der Meer, A.L.H. (2024). Handwriting but not typewriting leads to widespread brain connectivity: a high-density EEG study with implications for the classroom. Frontiers in Psychology, 14:1219945.

Kritischer Kommentar zur Handschrift-Studie:

  • Pinet, S., & Longcamp, M. (2025). Commentary: Handwriting but not typewriting leads to widespread brain connectivity: a high-density EEG study with implications for the classroom. Frontiers in Psychology, 15:1517235. DOI: 10.3389/fpsyg.2024.1517235

Weitere relevante Forschung

  • Mueller, P.A., & Oppenheimer, D.M. (2014). The pen is mightier than the keyboard: Advantages of longhand over laptop note taking. Psychological Science, 25(6), 1159-1168.
  • Bui, D.C., Myerson, J., & Hale, S. (2013). Note-taking with computers: Exploring alternative strategies for improved recall. Journal of Educational Psychology, 105(2), 299-309.
  • James, K.H. (Indiana University). Forschung zum Buchstabenlernen bei Kindern

Medienberichterstattung und Analysen

Frontiers Press Release: Writing by hand may increase brain connectivity

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