Entdecke fünf wissenschaftlich belegte Heilkräuter aus Österreichs Gärten: Kamille, Johanniskraut, Spitzwegerich, Brennnessel und Melisse.
Die Oma hat gesagt, trinkt Kamillentee, das hilft. Vieles von unserem Kräuterwissen ist volkskundlich oder mündlich überliefert. Aber heimische Heilkräuter sind auch wissenschaftlich gut untersucht. Heute möchte ich dir fünf Heilkräuter aus dem österreichischen Garten vorstellen, die mühelos in der Natur wachsen und ihre Wirkung von verschiedenen Institutionen bestätigt ist.
Inhalt
Renaissance der Phytotherapie: Wissenschaft trifft Tradition
Die moderne Phytotherapie fußt auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament. Die Kommission E, eine selbstständige wissenschaftliche Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), hat zwischen 1978 und 1994 etwa 380 Monographien zu pflanzlichen Arzneistoffen erstellt. Diese Bewertungen bilden bis heute das Fundament für die wissenschaftlich fundierte Anwendung von Heilkräutern. Die HMPC-Monographien (Committee on Herbal Medicinal Products) sind der neue regulatorische Standard der Europäischen Union und beinhalten den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand. Gleichzeitig würdigt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) traditionelle Anwendungen in ihren umfassenden Heilpflanzen-Monographien. Darüber hinaus gibt es wissenschaftliche Studien und natürlich die Arzneibücher. Hier lässt sich viel nachlesen. Auch die fünf Heilkräuter für deine natürliche Hausapotheke kommen darin vor.

Die fünf Säulen deiner Garten-Apotheke
1. Echte Kamille (Matricaria chamomilla): Der sanfte Allrounder
Die Kamille steht zu Recht an der Spitze der heimischen Heilkräuter. Sie wirkt antibakteriell und hilft bei schlecht heilenden Wunden, auch bei Schlaflosigkeit von Babys wegen Bauchweh oder Zahnen kommt sie zum Einsatz.
Wissenschaftlich belegte Anwendungen:
- Entzündungshemmende Wirkungen bei Haut- und Schleimhautentzündungen sowie bei Erkrankungen der Atemwege
- Gegen Unruhe, Reizbarkeit, Magenkrämpfe, Menstruationsbeschwerden, Ohrenerkrankungen und Blähungen
- Traditionelle Verwendung bei Blähungen und Bauchkrämpfen
Volkskundliche Überlieferung: In der österreichischen Volksheilkunde galt Kamille als „Mutter aller Kräuter“ und wurde traditionell bei Hexenschuss und als Schutz vor bösen Geistern verwendet. Ein alter Brauch besagt, dass Kamillenblüten, die bei Vollmond gesammelt werden, besonders heilkräftig seien.
Die Kamille wächst nahezu überall. Sie ist sehr robust und anpassungsfähig. Von April bis Mai können Blätter und Knospen und von Mai bis August Blüten geerntet werden.
2. Echtes Johanniskraut (Hypericum perforatum): Das Sonnenlicht in Pflanzenform
Johanniskraut ist bekannt gegen dunkle Gedanken und Depressionen für mehr Gelassenheit und Frohmut. Es wirkt entzündungshemmend und fördert die Wundheilung.
Wissenschaftlich belegte Anwendungen:
- Antidepressive Wirkung bei leichten bis mittelschweren Depressionen
- Entzündungshemmend und wundheilungsfördernd bei Verbrennungen mit Johanniskrautöl-Verband
- Überempfindlichkeit gegen Sonnenlicht kann auftreten
Aber Vorsicht: Johanniskraut schwächt die Wirkung der Anti-Baby-Pille und erhöht die Lichtempfindlichkeit der Haut!
Volkskundliche Bedeutung: Der Name „Johanniskraut“ leitet sich von Johannes dem Täufer ab, da die Pflanze traditionell um den Johannistag (24. Juni) blüht. Im Aberglauben galt es als Schutz vor Dämonen und wurde in der Walpurgisnacht verbrannt. Der rote Saft, der beim Zerreiben der Blüten austritt, wurde volkskundlich als „Johannisblut“ bezeichnet.
Echtes Johanniskraut liebt Magerwiesen und wächst gerne an Waldrändern. Knospen und Blüten können ab dem 21. Juni bis zum September gesammelt werden.
3. Spitzwegerich (Plantago lanceolata): Der natürliche Hustenstiller
Spitzwegerich-Blätter lösen den Schleim und lindern Entzündungen. Bei entzündlichen Veränderungen der Mund- und Rachenschleimhaut kann der Tee genutzt werden.
Wissenschaftlich belegte Anwendungen:
- Schleimstoffe legen sich wie ein Schutzmantel über die Schleimhäute im Mund- und Rachenraum
- Bei Bienen- oder Wespenstichen, raue Haut zu glätten und Schwellungen abklingen zu lassen. Bei Reizhusten wirkt Spitzwegerichtee ähnlich
- Blutstillender Effekt bei offenen Wunden und Insektenstichen, sogar bei Halsschmerzen und Zahnweh einsetzbar
Volkskundliche Anwendung: Spitzwegerich war im Mittelalter so geschätzt, dass er „Wundwegerich“ genannt wurde. Ein alter Spruch besagt: „Spitzwegerich und Sauerampfer, helfen dem Doktor aus der Kammer.“ Wanderer rieben traditionell zerquetschte Blätter auf Blasen und Insektenstiche.
Die beste Zeit für die Aussaat im Garten ist das Frühjahr zwischen Ende März und Mitte April. Spitzwegerich bevorzugt sonnige und leicht feuchte Standorte.
4. Große Brennnessel (Urtica dioica): Die unterschätzte Königin
Die Brennnessel ist „Heilpflanze des Jahres 2022“ mit verschiedenen wissenschaftlich belegten Heilwirkungen bei rheumatischen Erkrankungen und Harnwegsinfekten.
Wissenschaftlich belegte Anwendungen:
- Zur Durchspülung der ableitenden Harnorgane bei entzündlichen Erkrankungen und bei rheumatoider Arthritis oder Arthrose
- Antimikrobielle Aktivität gegen ein breites Spektrum von Bakterien, hemmt entzündliche Prozesse bei Heuschnupfen
- Stoffwechselanregend, blutreinigend und harntreibend (entwässernd), eingesetzt bei rheumatischen Beschwerden
- Die Brennnessel ist eiweißreich und enthält die Mineralien Kalzium, Magnesium, Kalium, Eisen und Silicium sowie die Vitamine A und C. 100 Gramm Brennnesseln enthalten rund 7 Gramm Protein.
Volkskundliche Bedeutung: In der Schweiz und im Tirol/Österreich wird die Brennnessel auch Donnernessel genannt. Einem Brauch zufolge steht sie in Verbindung zum germanischen Gott Donar und könne verhindern, dass der Blitz ins eigene Heim einschlägt. Traditionell wurde sie zur Herstellung von Nesselstoff verwendet.
Anwendung:
Für eine Tasse Tee 1 g getrocknete oder frische Blätter mit 150 ml kochendem Wasser übergießen und 10 Minuten ziehen lassen.
5. Zitronenmelisse (Melissa officinalis): Der Balsam für die Nerven
Melisse wirkt gegen Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Nervosität. Wissenschaftlich erwiesen ist die Anwendung von Melissenblättern bei Magen-Darm-Beschwerden.
Wissenschaftlich belegte Anwendungen:
- Bei Magen-Darm-Beschwerden, die nicht durch organische Krankheiten hervorgerufen sind
Beruhigende Wirkung bei nervöser Unruhe und Einschlafstörungen - Beruhigende, krampf- und blähungswidrige Eigenschaften, kann als Tee bei entzündlichen Darmerkrankungen getrunken werden
Volkskundliche Tradition: Melisse galt im Mittelalter als „Herztrost“ und wurde von Paracelsus als „das beste Kraut für das Herz“ bezeichnet. Klostergärten kultivierten sie als „Lebensessenz“, und ein altes Sprichwort besagt: „Melisse im Garten bringt Ruhe ins Herz.“
Anwendung:
Ein Teelöffel Melisse wird auf eine Tasse kochendes Wasser gegeben. Den Tee zehn Minuten ziehen lassen, abseihen. Zwei bis drei Tassen täglich trinken.
Gut zu wissen
Bei den vorgestellten Kräutern immer Wechselwirkungen oder Allergien beachten, zum Beispiel:
- Johanniskraut: Wechselwirkungen mit Medikamenten, insbesondere der Antibabypille
Kamille: Wer gegen Korbblütler allergisch ist, sollte Kamille meiden
Brennnessel: Vorsicht bei eventuell auftretenden allergischen Reaktionen und bei Ödemen durch eingeschränkte Nieren- oder Herztätigkeit
Praktische Tipps für den Einstieg
Anbau und Ernte
Kamille: Selbstaussäende einjährige Pflanze, benötigt lockeren, nicht überdüngten Boden
Johanniskraut: Mehrjährig, bevorzugt sonnige Standorte und magere Böden
Spitzwegerich: Ausdauernde Staude, wächst praktisch überall
Brennnessel: Lassen Sie eine wilde Ecke im Garten, düngt sich selbst
Melisse: Mehrjährig, wuchsfreudig, benötigt Wurzelsperre
Verarbeitung und Aufbewahrung
Erntezeit: Früh am Morgen nach dem Abtrocknen des Taus
Trocknung: Schattig und luftig bei maximal 35°C
Lagerung: In dunklen, luftdicht verschlossenen Gläsern
Haltbarkeit: Getrocknete Kräuter maximal ein Jahr verwenden
Heilkräuter Grundausstattung für die Hausapotheke
Teeaufguss: 1-2 TL getrocknetes Kraut pro Tasse
Tinktur: Verhältnis 1:5 mit 40%igem Alkohol, 2-3 Wochen ziehen lassen
Ölauszug: Verhältnis 1:10 mit kaltgepresstem Öl, 3-6 Wochen in der Sonne
Der Weg zur natürlichen Hausapotheke: deine ersten Heilkräuter
Die fünf vorgestellten Heilkräuter bilden das solide Fundament einer wissenschaftlich fundierten, natürlichen Hausapotheke. Heilpflanzen können für die jeweiligen Anwendungen hilfreiche Eigenschaften wie Gelassenheit, Konzentration oder Gedächtnisleistung fördern. Sie verbinden jahrtausendealte Erfahrungen mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen und ermöglichen einen ersten, sicheren Schritt in die Welt der Phytotherapie.
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Quellen und weiterführende Literatur:
- Kommission E Monographien, BfArM
- HMPC-Monographien der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA)
- WHO Traditional Medicine Programme
- Thieme Verlag: „Heilpflanzen“ – Zeitschrift für überliefertes traditionelles Heilpflanzenwissen und wissenschaftliche Erkenntnisse
- European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP)