Biophilia-Effekt: Warum uns der Wald so guttut

Biophilia-Effekt einfach erklärt: Was hinter unserer Liebe zur Natur steckt und was die Forschung sagt. Mit Übung zum Ausprobieren.

Der Biophilia-Effekt: Warum uns der Wald so guttut

Heute ist schon Frost auf der Wiese. Die Luft ist kalt. Die Bäume verfärben sich bunt. Der Dampf über der Teetasse zieht durch den Raum. Zwei Rehe am Waldrand.

Ich sitze vor meinem Bürofenster und schaue hinaus auf die Eichen und den Nussbaum. Der Nussbaum ist bereits mehr als 100 Jahre alt und trägt heuer wieder reichlich Nüsse. Ich freue mich darüber wie ein kleines Kind. Meine beiden Ziegen hingegen können es kaum erwarten endlich die Eicheln auf dem Boden zu schnabulieren. Eigentlich wollte ich nur schnell diesen Beitrag schreiben. Aber jetzt schau ich schon minutenlang hinaus ins Grüne. Und das ist bei Weitem besser als stundenlang am Handy zu scrollen.

Kennst du das? Der Blick bleibt am Grün hängen, und irgendwas in dir wird still. Für dieses Gefühl gibt es einen Namen: den Biophilia-Effekt.

Kurz zusammengefasst

  • Biophilia heißt „Liebe zum Lebendigen“. Den Begriff prägte Erich Fromm 1964, bekannt machte ihn der Biologe Edward O. Wilson 1984.
  • Die Idee: Wir Menschen haben die längste Zeit unserer Geschichte in der Natur verbracht und reagieren deshalb positiv auf Grün, Wasser und Weite.
  • Studien zeigen, dass schon ein Blick ins Grüne oder rund zwei Stunden Natur pro Woche mit mehr Wohlbefinden einhergehen.
  • Die Biophilia-Hypothese ist eine Hypothese. Erfahrung und Kultur prägen mit, wie wir Natur erleben.

Was bedeutet Biophilia?

Das Wort setzt sich aus zwei altgriechischen Teilen zusammen. Bios heißt Leben, philia heißt Liebe. Biophilia ist also die Liebe zum Lebendigen.

Geprägt hat den Begriff der Psychoanalytiker Erich Fromm. In seinem Buch The Heart of Man von 1964 beschrieb er damit eine innere Ausrichtung, die sich zu allem Lebendigen hingezogen fühlt.

Zwanzig Jahre später griff der amerikanische Biologe Edward O. Wilson den Begriff auf. In seinem Buch Biophilia von 1984 formulierte er die Idee, dass wir Menschen eine angeborene Zuneigung zur Natur in uns tragen. 1993 entwickelte er sie gemeinsam mit Stephen R. Kellert im Sammelband The Biophilia Hypothesis weiter.

Im deutschsprachigen Raum hat der österreichische Biologe Clemens G. Arvay das Thema mit seinem Buch Der Biophilia-Effekt einem großen Publikum nahegebracht.

Die Idee dahinter: Wir kommen aus dem Wald

Ich finde den Gedanken dahinter ganz einfach und gleichzeitig berührend.
Den allergrößten Teil unserer Geschichte haben Menschen draußen gelebt. Zwischen Bäumen, an Flüssen, in offenen Landschaften. Wer damals spürte, wo es Wasser gibt, wo Früchte wachsen und wo ein sicherer Platz zum Rasten ist, hatte bessere Chancen.

Nach der Biophilia-Hypothese tragen wir diese Prägung bis heute mit uns. Das Plätschern eines Bachs, der Anblick von Grün, ein weiter Blick über eine Wiese: Darauf reagieren viele von uns ganz spontan mit Entspannung. Noch bevor wir darüber nachdenken. Natürlich kann das kulturbedingt auch anders sein. Ich denke da an die dunklen Wälder, in denen früher die Bauern Angst hatten, weil ihnen die Räuber auflauerten. Oder heute an die Ukraine, wo die Kinder Angst haben müssen im Wald zu spielen, weil sie auf eine Granate oder sonstige gefährliche Relikte treten könnten. Auch das gibt es. Trotzdem glaube ich, dass für die meisten Menschen der Wald etwas Positives ist.

Asphalt, Neonlicht und Dauerbeschallung sind dagegen erst seit sehr kurzer Zeit Teil unseres Lebens. Kein Wunder, dass sich manchmal etwas in uns nach draußen sehnt.

Was die Forschung dazu entdeckt hat

Als Journalistin interessiert mich immer: Was ist dran? Ich habe ein paar Studien herausgesucht, die mich besonders beeindruckt haben.

Der Blick aus dem Krankenhausfenster

1984 veröffentlichte der Umweltpsychologe Roger S. Ulrich eine kleine Studie im Fachjournal Science. Er verglich Patientinnen und Patienten nach einer Operation. Die einen hatten aus ihrem Zimmer Blick auf Bäume, die anderen auf eine Ziegelmauer.

Das Ergebnis: Wer ins Grüne schaute, blieb im Schnitt rund zehn Prozent kürzer im Krankenhaus, brauchte weniger starke Schmerzmittel und bekam weniger negative Notizen vom Pflegepersonal.
Ein Fenster. Ein paar Bäume. Mehr nicht.

Aus solchen Beobachtungen hat Ulrich später seine Theorie zur Stresserholung entwickelt. Sie besagt, dass Naturreize eine unmittelbare, gefühlsmäßige Entspannung auslösen können.

Sanfte Faszination für müde Köpfe

Die Psychologen Rachel und Stephen Kaplan haben sich eine andere Frage gestellt: Warum fühlt sich der Kopf nach einem Waldspaziergang klarer an?

Ihre Erklärung: Im Alltag brauchen wir ständig gerichtete Aufmerksamkeit. Mails, Termine, Straßenverkehr. Das ermüdet. Die Natur dagegen fesselt uns auf eine leichte, mühelose Art. Wolken, raschelndes Laub, Lichtflecken auf dem Waldboden. Die Kaplans nennen das sanfte Faszination. In dieser Zeit kann sich unsere Konzentration erholen.

Zwei Stunden Natur pro Woche

2019 hat ein Forschungsteam rund um Mathew White von der Universität Exeter die Daten von fast 20.000 Menschen in England ausgewertet. Wer mindestens 120 Minuten pro Woche in der Natur verbrachte, berichtete häufiger von guter Gesundheit und hohem Wohlbefinden.

Das Schöne daran: Es war egal, ob die zwei Stunden am Stück oder verteilt auf mehrere kurze Ausflüge zusammenkamen. Ab etwa 200 bis 300 Minuten pro Woche stieg der Effekt nicht mehr weiter.
Ein Blick aufs Studiendesign lohnt sich. Die Untersuchung zeigt einen Zusammenhang. Ob die Natur die Ursache ist, lässt sich daraus allein nicht ablesen.

Und bei uns in Österreich?

Auch hierzulande wird geforscht. Die Situationsanalyse Wald, Wohlbefinden und Gesundheit 2025 beschreibt eine Studie, in der Menschen zweieinhalb Stunden im Wald verbrachten. Danach fühlten sie sich deutlich erholter, der wahrgenommene Stress sank um rund 15 Prozent, und die Verbundenheit mit dem Wald stieg um rund 21 Prozent.

Diese letzte Zahl mag ich besonders. Denn sie zeigt, dass Waldzeit mehr bewirken kann als Entspannung. Sie kann auch Beziehung stiften.

Weitere Studien rund um Cortisol, Immunzellen und Blutdruck habe ich in meinem Beitrag über Forest Therapy Studien und ihre Wirkung zusammengetragen.

UND auch ich forsche. Genau genommen haben wir eine Pilotstudie am 1. Forest Therapy Trail in Österreich laufen über die Auswirkungen der Waldaufenthalte zum Wohlbefinden. 2027 wird ein Teil abgeschlossen sein. Aktuell haben bereits mehr als 80 Personen mitgemacht. Möchtest du auch dabei sein bei der Studie? Schreib mir gerne ein Mail.

Ehrlich gesagt: Was die Hypothese nicht kann

So sehr ich die Idee mag, eines gehört dazu: Die Biophilia-Hypothese ist eine Hypothese. Dass unsere Liebe zur Natur in den Genen steckt, ist bisher nicht eindeutig belegt.

Klar ist dagegen, dass Erfahrung und Kultur mitprägen, wie wir Natur erleben. Magdalena Philipp-Illes hat für ihre Arbeit über Waldbaden in Österreich Menschen befragt und festgestellt: Viele fühlen sich in dem Wald am wohlsten, der dem Wald ihrer Kindheit ähnelt. Bei mir ist das der Mischwald hinter dem Hof. Bei dir vielleicht ein Föhrenwald am Meer oder ein Bergwald in Tirol.

Interessant finde ich auch einen Befund aus der Situationsanalyse 2025. Die stärksten positiven Gefühle lösten dort Wälder mit mittlerer Artenvielfalt aus. In sehr dichten, wilden Beständen sank die gute Stimmung sogar leicht.

Und dann gibt es noch die Kehrseite, die Biophobie. Die Angst vor Schlangen, Spinnen oder einem finsteren Wald gehört genauso zu unserer Geschichte. Darum mag ich Waldplätze, die hell, übersichtlich und gut begehbar sind. Dort fällt das Loslassen leichter. Mein Forest Therapy Trail ist so ein Ort. Darüber bin ich sehr glücklich.

Biophilia im Alltag: Fünf kleine Ideen

Du brauchst keinen eigenen Wald, um den Biophilia-Effekt zu spüren. Diese Dinge haben sich bei mir bewährt:

  • Ein grüner Fensterplatz. Stell deinen Schreibtisch oder Lesesessel so, dass dein Blick nach draußen fällt. Ein Baum, eine Hecke, ein Stück Himmel genügen.
  • Zwei Stunden pro Woche sammeln. Zehn Minuten Mittagspause im Park, ein Spaziergang am Wochenende, zwanzig Minuten im Garten. Es läppert sich.
  • Natur ins Haus holen. Zimmerpflanzen, ein Strauß Zweige, ein Stück Holz oder ein Stein vom letzten Ausflug auf dem Tisch.
  • Naturgeräusche hören. Ein offenes Fenster am Morgen, Vogelstimmen statt Radio beim Frühstück.
  • Ein Sitzplatz draußen. Such dir einen Platz, an den du immer wieder zurückkehrst. Du wirst staunen, wie viel sich dort von Woche zu Woche verändert.

Eine kleine Übung für heute: Fünf Mal Grün

Geh hinaus, in den Wald, in den Park oder in deinen Garten. Bleib stehen und such fünf verschiedene Grüntöne.

Das Moosgrün am Baumstamm. Das helle Gelbgrün junger Blätter. Das tiefe Dunkelgrün der Fichtennadeln. Vielleicht ein silbriges Graugrün auf der Rinde.

Nimm dir für jeden Ton ein paar Atemzüge Zeit. Mehr braucht es nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich danach ganz anders weitergehe. Langsamer. Wacher.

Weitere Ideen zum Ausprobieren findest du in meinen Ritualen für alle Sinne oder in meinem E-Book.

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Den Biophilia-Effekt weitergeben

Der Biophilia-Effekt ist auch Thema am ersten Tag der Waldbaden Ausbildung in der Kräuterlei. Wir schauen uns dort an, was die Forschung sagt, wo sie noch Lücken hat und wie du dieses Wissen verständlich an andere Menschen weitergibst.

Denn genau das macht für mich gute Waldbaden-Trainerinnen aus: Sie können erklären, warum der Wald guttut. Und sie lassen den Menschen trotzdem Raum, es selbst zu spüren.

Magst du es selbst erleben?

Am Forest Therapy Trail in Schiefling am Wörthersee kannst du den Biophilia-Effekt ganz praktisch erfahren. Alle Termine für deine WaldAuszeit findest du in der Terminübersicht für den Forest Therapy Trail.

Wenn du tiefer einsteigen möchtest, schau dir die Ausbildung zur Dipl. Waldbaden-Trainerin bei der BaBlü Akademie an.

Und falls du heute keine Zeit für den Wald hast: Schau einfach eine Minute lang aus dem Fenster. Auch das zählt. Über den Kräuterlei-Newsletter schicke ich dir regelmäßig ein Stück Wald nach Hause.

Anita Arneitz von der Kräuterlei am Wörthersee in Kärnten

Ich bin Anita

Kräuterpädagogin, zertifizierter Forest Therapy Guide (ANFT), Buchautorin und Journalistin am Wörthersee. Im Newsletter teile ich Termine am Forest Therapy Trail, Kräuterwissen und Schreibimpulse.

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Quellen
• Fromm, E. (1964): The Heart of Man. Harper & Row.
• Wilson, E. O. (1984): Biophilia. Harvard University Press.
• Kellert, S. R. & Wilson, E. O. (Hg.) (1993): The Biophilia Hypothesis. Island Press.
• Ulrich, R. S. (1984): View through a window may influence recovery from surgery. Science 224, 420–421.
• Kaplan, S. (1995): The restorative benefits of nature: Toward an integrative framework. Journal of Environmental Psychology 15, 169–182.
• White, M. P. et al. (2019): Spending at least 120 minutes a week in nature is associated with good health and wellbeing. Scientific Reports 9, 7730.
• Situationsanalyse Wald, Wohlbefinden und Gesundheit in Österreich 2025.
• Philipp-Illes, M.: Waldbaden in Österreich.
Foto: Petra Nestelbacher, direkt vom Forest Therapy Trail

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