Algen sind die Wildkräuter der Meere. Nährstoffreich, vielseitig und nachhaltig. Algenexpertin Kirsten Knufmann erklärt den Einstieg für zu Hause.
Inhalt
Die Wildkräuter, die wir übersehen
Als Kräuterpädagogin beschäftige ich mich viel mit dem, was direkt vor unserer Haustür wächst, aber es gibt eine ganze Kategorie an Wildpflanzen, die wir Alpenländer kaum auf dem Schirm haben: Algen. Für mein Gespräch mit Kirsten Knufmann, einer der bekanntesten Algenexpertinnen im deutschsprachigen Raum, wollte ich genau das verstehen: Warum sollten wir uns, mitten in Kärnten, weit weg vom Meer, überhaupt mit Algen beschäftigen?
Ihre Antwort: „Algen und Wildkräuter sind naturbelassen. Das heißt, sie haben noch genau die gleiche Konzentration an Inhaltsstoffen, die für uns wichtig sind.”
Während unsere heutige Landwirtschaft mit ausgelaugten Böden und hochgezüchteten Sorten zu kämpfen hat, sind Algen, genau wie Wildkräuter, seit Jahrtausenden unverändert geblieben.
Kurz zusammengefasst
- Algen liefern in naturbelassener Form hochkonzentrierte Nährstoffe wie Jod, Omega-3 und Kalzium ähnlich wie Wildkräuter an Land
- Für den Einstieg eignen sich milde Sorten wie der Meeresalgen-Mix, die Ulva-Alge oder die Kalzium-Alge, die sich unauffällig unter Suppen und Getränke rühren lassen
- Algen wachsen bis zu 30-mal schneller als Landpflanzen und gelten als eine der nachhaltigsten Nährstoffquellen überhaupt
Uralte Organismen mit großer Wirkung
Algen sind die ältesten Organismen dieser Welt. Über 50 Prozent des Sauerstoffs, den wir einatmen, stammt aus Algen. Sie sind die Vorläufer der Landpflanzen und der Primärproduzent für Nährstoffe, die wir oft mit Fisch verbinden etwa Omega-3, das eigentlich aus der Alge stammt, die der Fisch über die Nahrungskette aufnimmt. Auch Jod, ein Mineral, in dem laut Kirsten über 50 Prozent der Kinder in Deutschland einen Mangel haben, findet sich in natürlicher, hochkonzentrierter Form in Meeresalgen.
„Wir haben das einfach oft verlernt”, sagt Kirsten, „weil Algen früher oft als Arme-Leute-Essen abgetan wurden – genauso wie viele Wildkräuter auch.” Vieles, was heute als Superfood gilt, war früher einfach das, was die Natur direkt vor der Haustür oder der Küste zur Verfügung gestellt hat.
Kein Pauschalurteil über „die Alge”
Ein Missverständnis, das Kirsten im Gespräch gleich ausräumt: Es gibt nicht „die eine Alge”. Mikroalgen wie Chlorella und Spirulina, die in Süßwasser wachsen, enthalten kein nennenswertes Jod, dafür aber sehr viel Chlorophyll und Protein. Makroalgen aus dem Meer wie Nori, Dulse oder Wakame liefern dagegen genau das Jod, das viele von uns in Mitteleuropa zu wenig bekommen. „Man muss einfach schauen: Von welcher Alge spreche ich? Was hat die? Und was brauche ich gerade?”
Wie man als Einsteiger:in am besten startet
Für alle, die noch nie bewusst mit Algen gekocht haben, hat Kirsten ein paar sehr alltagstaugliche Empfehlungen:
- Der Meeresalgen-Mix aus Ulva, Dulse und Nori-Flocke, einfach über Suppen oder Eintöpfe streuen, für einen dezenten Umami-Geschmack
- Die Kalzium-Alge, ein geschmacksneutrales weißes Pulver mit über 80 verschiedenen Mineralien, das sich unauffällig in Tee, Kaffee oder Wasser einrühren lässt
- Chlorella und Spirulina als Basis, entweder im Smoothie oder als Presslinge zum Schlucken
- Wakame-Salat, klassisch und einfach selbst zuzubereiten
- Wer es etwas mutiger mag, kann die Dulse-Alge anbraten, sie schmeckt dabei fast rauchig-speckig und passt gut zu Bratkartoffeln.
Nachhaltigkeit, die überzeugt
Was mich am meisten überzeugt hat: Algen wachsen bis zu 30-mal schneller als Landpflanzen und benötigen keine Flächen, die für die Landwirtschaft gebraucht würden. Sie kommen ohne Pestizide oder Fungizide aus, über Millionen Jahre Evolution haben sie eigene, sehr effektive Schutzmechanismen entwickelt.
Kirsten macht dabei auch auf einen interessanten Punkt aufmerksam: Bio ist bei Mikroalgen wie Chlorella und Spirulina nicht automatisch die bessere Wahl, weil erlaubte Bio-Düngemittel das Algenwachstum durch trübes Wasser sogar behindern können. „Ich kann mit dem Bio-Standard die Mikroalgen aktuell nur schlechter machen als mit einer guten konventionellen Produktion”, sagt sie – eine differenzierte Sichtweise, die man selten so offen hört.
Von der Forschung bis zum Kinderhilfsprojekt
Besonders interessant ist Kirstens Bericht über ein Kinderhilfsprojekt in Kolumbien, das sie und ihr Mann seit über zehn Jahren unterstützen: Kinder mit mittlerer bis schwerer Mangelernährung erhielten dort ein bis drei Gramm Spirulina täglich, nach vier bis sechs Wochen waren die Mangelerscheinungen bei den meisten Kindern deutlich verbessert oder komplett verschwunden.
Auch während der Corona-Pandemie wurde in diesem Projekt Spirulina verabreicht, mit einer Todesrate, die laut einem beteiligten Arzt auf null sank. Solche Geschichten zeigen für mich eindrücklich, warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen, statt vorschnelle Urteile über „exotische” Lebensmittel zu fällen.
Ein sanfter Impuls für dich
Falls du neugierig geworden bist: Vielleicht magst du diese Woche einfach mal eine Packung Meeresalgen-Mix besorgen und über deine nächste Suppe streuen, so unauffällig, dass du kaum etwas verändern musst, aber trotzdem etwas Neues ausprobierst. Falls Algen gerade einfach nicht dein Thema sind, dann bleib bei deinen vertrauten Wildkräutern vom Wegrand, die genauso viel zu bieten haben.
Wer sich für nachhaltige, naturbelassene Nährstoffquellen interessiert, findet verwandte Themen auch beim Forest Therapy Trail am Wörthersee, dort, wo Natur pur und Achtsamkeit zusammenkommen.
Kräuter-Kreativ-Kongress 2026
Kirsten Knufmanns Wissen über Algen als „Wildkräuter der Meere“ passt perfekt zu den vielen spannenden Perspektiven, die dich beim Kräuter-Kreativ-Kongress erwarten. Wenn dich nachhaltige, nährstoffreiche Ernährung genauso begeistert wie mich. Sei dabei.
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Ich bin Anita
Kräuterpädagogin, Buchautorin & Journalistin am Wörthersee. Hier teile ich Kräuterwissen, Schreibimpulse und Naturerlebnisse – für ein Leben, das sich mehr nach dir anfühlt.